7. April 2013

Wenn die Kindheit langsam stirbt...

Ok ok, der Titel ist vielleicht eine Spur zu pathetisch. Aber irgendwie ist es schon genau das, was ich manchmal empfinde.

Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, wo jeder jeden kennt. Schon seit Längerem wohne ich nicht mehr bei meinen Eltern, sondern 25 km entfernt in der Stadt und komme idR. nur alle 2-3 Wochen mal sonntags vorbei zum Schweinebraten (oder Sauerbrauten oder Lasagne oder oder oder). Und so langsam stirbt das Umfeld meiner Kindheit. Nach und nach nimmt man Abschied von Menschen, denen man vielleicht emotional nicht sonderlich nahe stand, die aber doch irgendwie ein Teil der eigenen Kindheit waren. Dann erzählt meine Mutter mal wieder am Telefon: "Ich gehe morgen auf die Beerdigung von XY." oder "Weißt du, wer gestorben ist?" Z. B. die alte Nachbarin, bei der man immer Kuchen abgestaubt hat. Die Handarbeitslehrerin aus der Grundschule. Der nette Nachbar, der mit dem großen schwarzen Hund, der schon vor vielen Jahren eingeschläfert wurde. (Der Hund, nicht der Nachbar.) Der Sohn des anderen Nachbarn, der erst 45 Jahre alt war und einfach tot umfiel.

Wirklich traurig war ich vor einigen Jahren, als ich erfuhr, dass unser Pfarrer gestorben war. Der war zwar schon viele Jahre nicht mehr bei uns tätig, aber hat meine komplette Kindheit begleitet. Hat meine Eltern getraut, mich und meine Geschwister getauft, uns an der Grundschule in Reli unterrichtet, mit meiner Schwester im Pfarrgarten Fußball gespielt, meine Kommunion und Firmung begleitet usw. Muss noch dazu sagen, dass meine Eltern direkt neben der Dorfkirche wohnen und er deshalb auch ein geschätzter Nachbar war.

Und dann neulich: Mein Neffe liebt die lebensgroße Jesusstatue, die in der Kirche steht. Er gibt Jesus immer gerne ein Küsschen, weil der so traurig aussieht. Also ging ich neulich mit ihm da rein, und aus Interesse blätterte ich die Mappe mit den Sterbebildchen durch. Ich konnte darin meine Großeltern finden, unseren Pfarrer und viele Menschen aus unserem Dorf, die ich kannte.

Mein Blick blieb jedoch plötzlich an einem mir bislang unbekannten Sterbebildchen hängen: Schwester Ludwigis, meine Kindergartenschwester! Auch sie hatte unser Dorf schon vor vielen Jahren verlassen, aber ich habe an meine Kindergartennonnen so gute Erinnerungen, dass ich auch noch als Erwachsene in jedem Gesicht, das unter einer schwarzen Haube steckte, ihr vertrautes Gesicht suchte. Damals lebte außer Sr. Ludwigis noch die Mutter Oberin im Haus, in dem sich der Kindergarten befand. Sie war schon zu alt zum Kinderhüten, aber wir malten regelmäßig Bilder für sie, gingen dann mit einer Kindergärtnerin die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf und holten uns für unsere Meisterwerke Süßigkeiten ab. :-) Dass die Mutter Oberin schon längst gestorben sein musste, war mir klar, denn sie war ja schon alt, als ich noch ganz klein war.

Aber ich hatte gar nicht gewusst, dass Sr. Ludwigis vor ein paar Jahren gestorben ist. Ich war echt traurig, als ich das Bildchen sah, und ich fragte meine Mutter leicht verärgert, wieso sie mir nichts davon erzählt hätte. "Ich hab dir davon erzählt, oder nicht?" Nein, ich hätte mich doch daran erinnert!

Vielleicht ist das nicht nachvollziehbar, aber solche Dinge machen mich immer sehr wehmütig. Es ist, als ob ein Teil der eigenen Kindheit sich verabschiedet. Kennt ihr dieses Gefühl auch?

6 Kommentare:

  1. Ja das kenn ich auch.
    *soifz*
    ich bin schon 45 Jahre alt und ich kann dir nur den Rat geben: "Loslassen".
    Es tut weh ich weiß aber es gehört wohl zum Erwachsen werden dazu.
    Die schönen Erinnerungen bleiben im Kopf
    UND
    es kommen NEUE dazu!
    Kopf hoch!

    Lieb grüßt
    Martina

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    1. Ja, loslassen... muss man ja leider zwangsläufig, wenn einem die Leute wegsterben. *auch soifz* Aber du hast Recht, es kommen dafür auch viele neue schöne Erinnerungen. :-)

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  2. Ja klar - Bei mir sind es nicht nur die Leute aus dem Ort, sondern auch, wenn z.B. ein Star stirbt, der mich meine Kindheit über begleitet hat.

    Und auch nur, wenn es der Vater war, der einem mit dem Schlager genervt hat. Ist dann zwar ein negativer Gedanke, aber auch hier habe ich das Gefühl, dass die Kindheit jetzt wirklich vorbei ist. Und ich werde demnächst 42. ;) Aber ich finde es schön, wenn man so denkt. Und irgendwie sollte man nie aufhören Kind zu sein. Deshalb gehören solche Gefühle einfach für mich zum Leben dazu.

    LG

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    1. Ja, stimmt, an die Promis hab ich noch nichtmal gedacht in dem Moment! Aber da denkt man sich auch: "Oh, wie traurig, jetzt ist der also auch tot." Ich war bei Pavarotti auf unerklärliche Weise tief ergriffen. Vielleicht lag es daran, dass ich Gesang wahnsinnig liebe und den Verlust einer großartigen Stimme beklagt habe. Je oller, je wunderlicher...

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  3. Das Sterben der Kindheit beginnt schon mit den ganzen baulichen Veränderungen. Alle paar Jahre suche ich auch mal bei sich bietender Gelegenheit diese alten Stätten auf, an denen ich früher mein Unwesen getrieben habe, und erkenne sie nicht wieder. So man das auf tote Dinge beziehen darf, ist hier natürlich auch jedes Sterben mit der Geburt von etwas Neuem verbunden.

    Zu den Menschen aus dieser Zeit habe ich keinerlei Kontakte mehr und bekomme somit nicht mit, wie es ihnen ergangen ist. Schade eigentlich, aber nicht mehr zu ändern. :(

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    1. Du hast auch Recht mit den baulichen Veränderungen. Eigentlich will ich ständig mal einen längeren Spaziergang durch unser Dorf machen, aber dann versackt man doch wieder nur in der Bude beim Sonntagsbraten und -kuchen. Das nächste Mal muss ich wirklich mal eine Runde drehen, vermutlich erkenne ich viele Flecken auch nicht mehr wieder.

      Ich kriege auch nur über meine Eltern was mit, ich hab selbst auch keinen Kontakt mehr zu den Leuten in meinem Dorf.

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