Jeden Morgen, wenn ich mit meinem Schwager Richtung Arbeit aufbreche, chauffieren wir auch meine Nichte in den Kindergarten. Montessori muss es sein, klar, denn die Eltern sind politisch korrekte Ökos, diese typisch spätgebärenden Biomonster, für deren Nachwuchs nur das Beste gerade gut genug ist. Da passen "normale" Kindergärten schonmal gar nicht. Und Waldorf, das ist dann doch zu seicht, am Ende schafft das Kind das Abi nicht und kann nicht studieren und kann kein zufriedenes Leben führen. Also, Montessori muss es sein.
Der Ausländeranteil ist im Montessori-Kindergarten überraschend gering für eine überbevölkerte Großstadt in Niedersachsen. Jeden Morgen sehe ich diese typischen Spätgebär-Eltern ihre Kinder in Kiga und Kita bringen. Erfolgreiche Väter, die in dicken Autos auf dem Weg zur Arbeit schnell die Kleinen absetzen. Und Öko-Mamas, die ihren Nachwuchs im 2.000 € teuren Fahrradanhänger herumkutschieren.
Das Prozedere ist im Grunde immer das Gleiche: Erstmal muss man meine Nichte mit Engelszungen dazu bringen, sich Jacke und Straßenschuhe zu entledigen und in die handgefilzten Pantoffeln zu schlüpfen. Dann kann sich Madame aussuchen, ob sie durch Tor 1 oder Tor 2 schreitet. Hinter Tor 1 erwartet sie der Actionraum mit allem, was das Mini-Monster-Herz begehrt. In Tor 2 geht es ruhig zu, da wird gelesen, gemalt, gechillt. Mal sehen, wo sich Jasper, Swenja, Jannik und Tabea herumtreiben. Lena und Marie dürfen natürlich auch nicht fehlen, egal, welche von den 20 Kindern mit diesem Namen. Da lobe ich mir Hans' Eltern, die für ihren Sohn noch einen schönen, altdeutschen Namen ausgesucht haben. Vermutlich, weil der sich für sie als Chinesen leicht aussprechen lässt...
Man möge mich nicht falsch verstehen: Der Kindergarten macht auf mich einen sehr guten Eindruck, und die Kiddies scheinen auch gar nicht überdurchschnittlich verhaltensgestört zu sein. Auch fehlt mir eigentlich, um ehrlich zu sein, die Vergleichsmöglichkeit, da ich sonst mit Kindergärten nichts am Hut habe. Aber es ist doch einfach zu interessant, was man so jeden Morgen beobachten kann.
Zuerst muss man vor Eintritt in das Spielparadies am Türrahmen die Erzieherin mit Handschlag und einem ordentlichen "Guten Morgen" begrüßen. Irgendjemand, ob Kind oder Erzieherin, hat außerdem das lustige Schubs-Ritual erfunden. Arg kecke Kinder, die keinerlei Abschiedsschmerz verspüren, dürfen die Erwachsenen aus der Haustüre schubsen. Dass sie dabei nicht "Ich entsage deiner Autorität und begebe mich voll und ganz in die Hände des Montessori-Erziehungsprinzips." litaneien müssen, fehlt eigentlich gerade noch. Auch ich wurde unlängst Opfer einer Schubs-Attacke, und beschwerte mich bei meiner Nichte mit den Worten: "Hey, du musst mich nicht schubsen, ich bin hier ganz schnell freiwillig wieder draußen!!!"
Zu essen gibt's natürlich ausnahmslos Bioprodukte. Das Mittagessen wird sogar von einem Biorestaurant geliefert. Dabei wird natürlich auch genauestens darauf geachtet, dass es von allem mehrere Varianten gibt: Für die wenigen allergiefreien Kinder das normale Essen, dann ohne Laktose, ohne Gluten, ohne ... was gibt's da sonst noch so? Sorry, als Kind der 80er habe ich "leider" keine Allergien gehabt und alles gegessen, was mir vor die Schnauze gesetzt wurde. Die Quittung habe ich jetzt als Erwachsene gekriegt - immer noch keine Allergie, dabei ist das doch heutzutage so schick!
Was meine Nichte betrifft, wurden dem armen Kind bereits mit nichtmal 6 Jahren schon so viele Allergien angedichtet, dass es selbst manchmal verwirrt ist, was es essen darf und was nicht. Mama Claudi ist Beamtin und kann sich dementsprechend im Gesundheitssystem jeden Unfug erlauben. Da wird gependelt und akkupunktiert, was das Zeug hält, sowohl bei ihr als auch bei dem Kind. Ich bin ja schon seit Nichtes Geburt mit Männchen zusammen, so dass ich den ganzen Lebensweg mitbekommen habe. In der Verwandtschaft kannte sich lange Zeit niemand so recht aus, was sie nun essen darf und was nicht. Das wechselte - kein Witz! - alle paar Wochen. Hatte die Oma für den anstehenden Besuch einen Kuchen extra nur mit Dinkel und ohne Kuhmilch gebacken, kam garantiert von Claudi: "Nein, wir dürfen jetzt kein Dinkel mehr essen! Aber Kuhmilch geht!" Mal kein Getreide, nur Dinkel. Dann bloß kein Dinkel! Nur Kuhmilch, keine Kuhmilch, überhaupt keine Laktose, nein doch, Kuhmilch ist super. Aktueller Stand: Keine Kuhmilch, das produziert zuviel Schleim und führt zu Problemen mit den Ohren. Zusätzlich wird mit Laser akkupunktiert. Der Stich am Lungenpunkt (Es sei mir verziehen, wenn ich das nun nicht fachgerecht wiedergebe!) neulich bietet scheinbar schonmal einen guten Ansatz zur Besserung des Ohrenproblems.
Nun ja, whatever... ich als Nicht-Mutter und Nicht-Öko kann einfach nur staunen bei der heutigen Erziehung. Meine Nichte ist wie gesagt 5, und ihr Tag ist verplanter als meiner. Generell ist sie von 8.30 Uhr bis 16.00 Uhr im Kindergarten. Dazu kommen noch nachmittags:
- Montag: Turnen 1
- Dienstag: Turnen 2, danach Akkupunktur
- Mittwoch: Ballett
- Donnerstag: Kinderchor
- Freitag: Schwimmen
Nun dürft ihr mich, liebe Eltern, gerne eines Besseren belehren, aber ist das nicht ein bisschen zu viel des Guten für ein Kind in diesem Alter?! Alleine schon die ganze Planerei, wie es die Vollzeit arbeitenden Eltern hinbiegen, dass das Kind für jeden Scheiß einen Chauffeur hat. Was für ein Glück, dass Claudi als Lehrerin sowieso nie lange arbeiten muss... Ich als Außenstehende finde das Ganze jedenfalls too much! Und wenn das Kind dann um 18.30 Uhr nach Hause kommt, muss es ja auch erstmal was essen. Und dann wundert sich Claudi jeden Abend, dass man es wieder nicht fertig gebracht hat, das Kind bis 19 Uhr im Bett zu verstauen. "Aber morgen versuchen wir das mal, dass du um 19 Uhr im Bett liegst." Ja sicher, das klappt jeden Abend genauso gut wie es jeden Morgen klappt, dass Claudi mal pünktlich zum Unterricht startet - nämlich nie. (Beamtenstatus sei Dank ist ja Dauerverspätung kein Kündigungsgrund...)
So, jetzt ist dieser Eintrag mal wieder total ausgeartet, viel zu lang, wer soll das alles nur lesen?! Aber falls sich doch jemand bis hierher durchgekämpft hat - es würde mich doch sehr interessieren, was Eltern von dieser ganzen Sache halten? Muss man die Kinder schon im Kindergartenalter so stark fördern und fordern, dass sie kaum noch zu Hause in den eigenen 4 Wänden spielen können, weil sie nur unterwegs sind? Auch so ein Punkt auf meiner meterlangen "Wieso ich niemals Kinder kriegen werde"-Liste. Bei meiner momentanen Einstellung, dass man Kinder auch einfach mal einfach nur spielen lassen soll, ohne irgendwelche perfiden Erziehungs- und Lernmethoden zu inkludieren, würde ich vermutlich den totalen Intelligenz-Quasimodo großziehen.
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