13. Oktober 2011

Gutes tun

... ist gar nicht mal so einfach!

Nachdem ich ja unfreiwillig viel Freizeit habe und irgendwann den Blues hatte von wegen, ich sei einfach nur nutzlos, suchte ich nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit in der City (mangels Auto räumlich eingegrenzt). Natürlich hatte ich gewisse Ansprüche, da ich ja prinzipiell eher ein asozialer Zeitgenosse bin: Nichts mit Kindern, nichts mit pflegebedürftigen Menschen (Senioren, Kranke, Behinderte). Das klingt jetzt ganz furchtbar asozial, aber es gibt einfach Bereiche, die kann ich nicht, die will ich nicht machen. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen, und ich habe übelst Respekt vor Menschen, die in solchen Bereichen tätig sind! Aber für mich ist das nichts. Dann gibt es Tätigkeiten, die man nur mit Auto erreichen kann, die musste ich aus aussortieren. Und zu guter Letzt die Ehrenämter, bei denen eine gewisse Mindesteinsatzzeit von mehreren Monaten verlangt wird. (Besser gar keine Mitarbeit als nur Hilfe für 2 Monate oder was?), da ich ja nun nicht weiß, was mit mir wird, ich bewerbe mich ja auch und bin durchaus bereit, hier wegzuziehen. Deshalb fiel meine Wahl auf folgende Möglichkeiten:


1. Mobile Bibliothek der Stadtbücherei
Ein mobiler Bücherbringservice für Leute, die nicht selbst in die Bib gehen können. Ich liebe Bücher, das wär doch was für mich, dachte ich mir so. Also in die Bib geschlappt und gefragt, um von einer völlig unbegeisterten "Was wollen Sie denn von mir?! Ehrenamt? Pah!"-Mitarbeiterin die Nummer des Verantwortlichen zu bekommen mit dem Hinweis: "Aber der ist tooootal schwer erreichbar und außerdem haben wir sowieso genug Leute, glaub ich." Danke, man muss ja nicht gleich den Boden küssen, weil ich mein Gutmenschentum ausleben will, aber ein bisschen Freundlich-, vielleicht sogar Dankbarkeit? Ok... Später hab ich den Mann tatsächlich erwischt und er meinte, leider immer alles voll mit Ehrenamtlichen. Wieso steht ihr dann im Ehrenamtskatalog drin, wenn ihr eh keine Ehrenamtlichen mehr braucht, ihr Nasen?!

2. Hunde ausführen im Tierheim
Ich liiiebe Tiere, ich bin so traurig, dass wir hier keine Haustiere halten können, und ich würde gerne mehr in dem Bereich aktiv tun. Nur liegen alle Tierheime so in der Pampa, dass ich da ohne Auto, also auch nicht mit den Öffis, hinkomme. Trotzdem habe ich mal nachgefragt, wie's ausschaut mit Gassi gehen und so. Die Antwort war, dass ich dafür eine Mitgliedschaft für 70 Öcken abschließen müsse. Nun unterstütze ich ja gerne solche Orgas, aber wenn man kaum Geld verdient und es hinten und vorne nicht langt, dann sind 70 Euronen nunmal nicht gerade wenig. Ansonsten hielt sich auch hier die Begeisterung in Grenzen - Gassigeher habe man ja eigentlich genug. Ja, ich weiß, am Liebsten hättet ihr einfach eine vierstellige Geldspende, aber sorry, das kann ich halt nicht, ich habe nur meine nutzlose Arbeitskraft anzubieten...

3. Mobiler Bücherservice im Krankenhaus
"Dafür bin ich nicht zuständig, da müssen Sie die Ehrenamtlichen fragen, die das machen. Die kann man aber nur mit viel Glück dienstags zwischen 12 und 15 Uhr erwischen, falls sie mal zufällig in der Nähe der Verwaltung sind." Muss ich erwähnen, dass ich es auch nach Wochen nicht geschafft hatte, diese ominösen Wichtel zu erreichen? Ich hab's dann entnervt gelassen...

4. Weltladen
Wusstet ihr, dass in den Weltläden fast ausschließlich Ehrenamtliche arbeiten? Ich nicht! Als ich dort reinging und nachfragte, war man freundlich und sogar glücklich, dass sich gerade so ein junges Ding engagieren möchte. Ha, endlich mal reagierte jemand positiv auf mein Hilfsangebot! Nun arbeite ich schon seit ein paar Wochen in dem Laden, pro Woche eine Schicht à 2h. Klingt wenig, ne? Aber na ja, ich muss ja nebenbei auch Geld verdienen mit ein paar Nebenjöbbchen, um nicht zu verhungern. Außerdem kann man auch nicht mehr machen: In dem Laden gibt es über 50 Ehrenamtliche! Die meisten davon Ü50 - Arbeitslose, Rentner, Hausfrauen. Allesamt aber sehr nett, und es macht auch relativ viel Spaß. Ich bediene die Leute und fülle die Regale auf. Mehr macht man so als Neuling eh nicht. Die Schichten sind immer schon eine Woche vorher meist komplett vergeben, es mangelt einfach nicht an Helfern. Und wenn man dann zu zweit oder dritt (Momemtan stoße ich noch als Neuling zu den regulären Ehrenamtlichen dazu.) seine Schicht macht, kommen meist noch gelangweilte andere Ehrenamtliche vorbei, so dass da immer genug Arbeitskräfte zur Verfügung stehen.

Nun denke ich mir wieder: "Hätte ich mir nicht besser was suchen sollen, wo ich WIRKLICH gebraucht werde, weil es an Leuten mangelt?" Aber sei es drum. Falls ich in ein paar Monaten immer noch keinen festen Job habe, kann ich mir ja noch ein 2. Ehrenamt zulegen. Eigentlich will ich ja nichts machen, wo man direkt viel mit Menschen zu tun hat, aber ich könnte mir nun auch Arbeit mit Asylanten vorstellen.

Und ich frage mich, wieso mir das jetzt erst einfällt, ehrenamtlich tätig zu sein? Mal ehrlich, mein Studium war zwar sehr stressig, aber so prinzipiell hätte ich wirklich Zeit gehabt als Studentin, noch ein paar Stündchen in der Woche oder im Monat in sowas zu investieren. Ganz ehrlich, man denkt doch immer nur, die Leute in Afrika oder sonstwo brauchen Hilfe, aber ich hab mir einfach früher keine Gedanken gemacht, ob es auch hier, in meiner Stadt, Hilfsbedürftigkeit gibt. Jetzt fange ich erst nach fast 30 Jahren damit an - Asche auf mein Haupt...

5 Kommentare:

  1. Also, Du hast da eine sehr gute Idee und eine tolle Einstellung. Chapeau!

    Im regulären Job bekommst Du eine Arbeit zugewiesen und die alteingesessenen Kollegen sind verpflichtet, mit Dir zu zusammenzuarbeiten, weil es wichtig für den Unternehmenserfolg ist.

    Bei den Ehrenämtern ist das etwas anderes und viel persönlicher, dadurch auch schwieriger. Zum einen stört das Ehrenamt erst mal den Angestellten, wie Deine Fälle schön schildern. Deshalb ist von dort wenig Unterstützung zu erwarten. Zum anderen dringst Du in Reviere von Ehrenamtlichen ein, die sich diese - alteingesessen - erarbeitet haben und die persönliche Anerkennung für sich behalten möchten. Wenn hier nicht auch einer ist, der das Sagen hat, wird es schwierig.

    Vielleicht suchst Du Dir eine Nische, die Du besetzen kannst, so z.B. Sozialhilfe- und Grundsicherungsberechtigten bei Behördengängen und Wohnungssuche helfen (hier liegt einiges im argen), einsamen Menschen oder Strafgefangenen Briefe schreiben (hier gibt es vermittelnde Stellen), oder Mitarbeit beim Weissen Ring.

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  2. Gutes tun ist nicht so einfach, habe ich auch schon festgestellt.

    Ich habe mal bei der benachbarten Kirchengemeinde nachgefragt, die Küsterin hat mich weiterverwiesen an den Diakon, der an die Gemeindesekretärin, die an den Pfarrer und der mich an die Küsterin, weil er darüber keinen Überblick hat, wo noch jemand gebraucht wird.
    Und ALLE haben mich angeguckt, als hätte ich nicht alle stramm.

    Ich denke, um die "einfachen" Aufgaben reißen sich viele; sich mit Pflegebedürftigen auseinanderzusetzen ist ein harter Job.
    Ich nehme an, Hospizarbeit käme auch nicht in Frage?
    Bist Du nicht Psychologin o.ä.? Wie wäre es mit Telefonseelsorge?

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  3. @blogspargel: Deine Theorie klingt überzeugend. Ehrenämtler sind ja quasi auch gefährlich für bezahlte Arbeitskräfte, da sie bereit sind, teilweise die gleiche Arbeit ohne Bezahlung zu machen. Wobei sich die beiden Hauptamtlichen im Weltladen tatsächlich sehr über Ehrenamtliche freuen.

    @Juliane: Ich gehe davon aus, dass das dann nichts wurde mit dem Ehrenamt? Und nein, ich bin nun wirklich keine Psychologin, eher das Gegenteil. ;-) Hospiz ist nichts für mich, ich möchte einfach nicht zusehen müssen, wie Leute sterben. Egoistisch, aber so ist es.

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  4. Erinnere mich mit Schrecken an die "Grünen Damen" (gibts die noch?), damals in dem Krankenhaus, in dem ich gearbeitet habe.
    Das waren ehrenamtliche Kümmererinnen in grünen Kittelchen, die den Blinden aus der Zeitung vorlasen; Zeugs aus dem Kiosk besorgten, wenn der Raucher mit dem amputierten Bein, seine Kippen nicht selber holen konnte, und die versuchten Herrn Schnittger, den Komapatienten, mit Butterkuchen zu füttern.
    Wie steht Dir grün?

    Ich arbeite derzeit in der Verwaltung einer Seniorenwohnanlage. Glaub mir, viele von den alten Leutchen sind nicht so abschreckend und anstrengend, wie Du vielleicht denkst.
    Sie sind immer dankbar, wenn jemand zum Karten spielen oder vorlesen oder Spazierengehen kommt.
    Brauchst Dich ja nicht in einem Pflegeheim zu bewerben, sondern in einen Stift oder einer Wohnanlage. Da findeste nämlich die Fitteren.
    Und wenn Du einer der Omas ans Herz gewachsen bist, erbste vielleicht ihr Vermögen und den süßen Enkel!

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  5. Grün schmeichelt mir sicherlich, müsste ich mal ausprobieren. ;-)

    Hm, ich habe schon evtl. darüber nachgedacht, mal alte Leute zu unterhalten. Allerdings heißt es immer, dass man solch eine Tätigkeit schon auf lange Sicht ausüben soll. Wie gesagt weiß ich nicht, ob ich nicht vielleicht in 5 Monaten oder so wegziehe, zumindest ne Zeit lang. Die Frage ist, ob die Leute dann enttäuscht oder traurig sind, wenn man wieder geht? Deshalb suche ich momentan erstmal unverbindlichere Tätigkeiten, wo man nicht direkt für Menschen verantwortlich ist, die man dann ggf. im Stich lassen muss. Bei mir ist eben alles so in der Schwebe.

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