22. Juli 2011

Heimatbesuche

So weit wohnen meine Eltern gar nicht weg, eigentlich nur 25 km. Man sollte meinen, ich würde sie ständig sehen. Zeitweise ist das auch durchaus der Fall. Aber manchmal besuche ich sie sehr selten, auch dann nicht, wenn mein Neffe, mein Patenkind da ist. Anfangs, als er noch klein und unschuldig war, da konnte ich nicht genug von ihm kriegen. Aber jetzt hat er einen eigenen Willen und gerade seine Kreischphase. Meine Devise lautet: "An die ersten paar Lebensjahre kann man sich später eh nicht mehr erinnern. Ich steige dann erst später ein."

Nun musste ich aber dringend was aus dem Elternhaus holen, ein Besuch war also nicht mehr zu vermeiden. Och, dachte ich mir, ich war nun schon wochenlang nicht mehr da, wird ja vielleicht doch ganz nett.

Man muss wissen, wir sind keine Kuschel-haben-uns-lieb-Familie. Wir sind auch keine Zank-Familie. Aber bei uns herrscht ein etwas rauerer Ton. Da sagt man schonmal zur Schwester "Halt doch mal das Maul." - und die Schwester nimmt einem das nichtmal krumm. Warum auch? Das ist normaler Umgang in unseren vier Wänden (und zum Glück auch nur dort).

Kaum zu Hause angekommen, stresste meine Mutter schon wieder rum. Ich bin ja schon immer latent aggressiv, aber meine Mutter kam scheinbar völlig ohne Nervenstränge zur Welt und ist permanent fuchsig. Mein Vater verzog sich nach dem Essen wohlwissentlich in den Garten und pennte, das geht ja jetzt so als Rentner. Ich beschloss, "Kallwass" zu gucken, denn in unserer Wohnung ist schon seit Wochen der TV im Arsch. Allerdings ist mein Vater der Einzige in der Familie, der den heimischen Fernseher anschalten kann. Das ist kein Witz - der Mann hat es tatsächlich geschafft, den TV mit anderen Geräten so zu verbinden, dass man nun bei 4 verschiedenen Fernbedienungen eine bestimmte Tastenabfolge drücken muss, um den Fernseher und den Receiver anzubekommen. Ja, mein Vater hat öfter solche Ideen, er ist ja auch nachweislich einer der größten Pfuscher auf Gottes Erde. Ihn aber zu wecken, damit er den TV anstellt - da kann ich mich gleich mit Honig einschmieren und vor einem hungrigen Braunbären Sirtaki tanzen. Also kein "Kallwass"...

Dafür flackte sich meine älteste Schwester, die gerade zu Besuch war, erledigt von ihrem Kreischkind, auf die Couch und hielt mir von dort aus einen ewig langen Vortrag darüber, dass ich wahnsinnig faul sei, weil ich nicht wie sie (die nachweislich unter einem krankhaften Putzzwang leidet) jeden Tag meine Bude putze. Und überhaupt, wann ich das letzte Mal die Fenster sauber gemacht hätte, und ich solle nicht jeden Tag die ganze Zeit vor dem PC sitzen, Menschen, die vor dem PC sitzen, tun den ganzen Tag gar nichts, blablabla. Dass ihr Freund momentan das ganze Haushaltseinkommen mit seinem Job als - Achtung! - Informatiker beibringt, lassen wir mal unter den Tisch fallen bei dieser Behauptung...

Als meine andere Schwester dazustieß - denn ich bin gleich mit zwei gestraft -, begrüßte sie mich mit den warmherzigen Worten: "Du kannst auch mal zum Friseur, du siehst aus wie Jesus nach einer Geschlechtsumwandlung."

Und das Schlimme ist: So geht das immer.

Was war ich froh, als ich wieder in meinen eigenen vier Wänden war. Ich frage mich nach jedem Heimatbesuch immer und immer wieder, wie ich diese Kiste mehr als 18 Jahre überleben konnte?...

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