An dieser Stelle wollte ich eigentlich zu zart besaitete Gemüter vor meinem Zynismus warnen, doch mir wurde gesagt, was ein echter Misanthrop ist, der macht das nicht! Also warne ich nicht davor, sag aber trotzdem dazu: Beschwert euch nicht darüber, dass ich nur die Wahrheit schreibe!
Aus gegebenem Anlass habe ich einen Studienführer erstellt, der jungen Menschen, die sich Gedanken über ein Hochschulstudium in Deutschland machen, die Entscheidung etwas erleichtern soll. Immerhin habe ich in dem Bereich langjährige Erfahrung gesammelt, und ich werde diese völlig objektiv (Harr harr!) und optimistisch (Doppel-Harr harr!) zusammenfassen.
1. Habt ihr einen reichen Gönner oder reiche Eltern, die euch jeden Quark zahlen können und wollen? Damit meine ich: Miete, Studiengebühren, Lebensmittel, evtl. Pflicht-Exkursionen, hippe Klamotten (für Juristen und Lehrämtlerinnen) oder die ganzen Alkoholika, die ihr euch anfangs auf Ersti-Partys aus Spaß, später dann zu Hause aus Frust reinkippt. Nein? Dann könnt ihr jetzt aufhören zu lesen.
Wenn ihr aus einer einkommensschwachen Familie kommt, verstehe ich sowieso nicht, was ihr auf der Uni zu suchen habt?! Wie meint ihr? „Es gibt doch aber Bafög.“? Äh, ja, klar… Ich wünsche euch viel Spaß beim nervenzerreißenden Beantragen jedes Jahr, beim Bibbern, wieviel man diesmal zum Leben hat, beim Schuldenmachen und bei der Erkenntnis, dass die Kids der reichen Leute, die sich dank guter Steuerberater arm rechnen können, weit mehr Knete bekommen, die sie für coole Klamotten ausgeben, als ihr.
Also los, verschwindet – husch husch! – und macht lieber eine Ausbildung zur Friseuse, zum Handyverkäufer oder Hartz IVler! Denkt dran: Deutschland kann ohne seine Klischees einfach nicht leben!
2. Ihr seid immer noch da? Kids reicher Eltern? Wie – nein?! Was wollt ihr denn noch hier? Idealismus oder Leidenschaft oder was?! Na gut, ich will mal nicht so sein. Falls ihr Ingenieurswissenschaften studieren wollt, dürft ihr bleiben. Lehrämtler, hm… ja, na gut, aber guckt bitte zuvor nochmal in eure Glaskugel, welche Fächerkombi in 5 Jahren benötigt wird. Mediziner kann man auch immer gebrauchen. Und Wirtschaftsmathematiker sind richtig gut dabei gerade. Informatiker geht auch immer was.
Alle Anderen, v. a. die Geisteswissenschaftler: ABFLUG!
3. Ok, ihr seid reich, wollt etwas studieren, das auf Deutschlands Arbeitsmarkt noch was wert ist oder trieft vor Idealismus und Leidenschaft und lasst euch deshalb einfach nicht abschütteln – willkommen zu Punkt 3! Überlegt euch bitte gut, ob ihr euch das WIRKLICH antun wollt. Die vielen vielen Klausuren (Der Bologna-Prozess ist nun weitgehend abgeschlossen, denkt dran!), der viele Lernstress (Außer ihr studiert Sozialpädagogik.), die nervigen Kommilitonen, die strengen Profs, die einem das Leben zur Hölle machen und unfair benoten, die unbezahlten Praktika, die ständige Ebbe im Geldbeutel (gilt nicht für reiche Kids, natürlich) etc. pp. Immer noch Lust? Nicht doch lieber ne Ausbildung zum Bankkaufmann? Denkt dran, die Banken werden niemals pleite machen, dafür sorgt der Staat schon, da gibt’s immer Arbeit!
Nicht überzeugt? Ok, dann weiter zu Punkt 4.
4. Halloooo?! Idealismus, Leidenschaft, Intelligenz, der Wunsch, etwas zu begreifen, zu verstehen, zu verändern – mann, ihr seid soooo süß! Packt das in eine Tüte und werft’s in den nächsten reißenden Fluss. Zum Mitschreiben - was wirklich zählt sind: Vitamin B, Vitamin B und Vitamin B. Geld schadet auch nix, damit könnt ihr euch die ganzen unbezahlten Praktika leisten, nach dem 10. kriegt ihr vielleicht ne Chance auf ein schlecht bezahltes Volontariat, und mit 40 könnte der erste, gutbezahlte Job locken. Bitte auch immer dran denken: Verstehen ist nicht wichtig an der Uni! Dümpelt lieber vor euch hin und macht euch keinen unnötigen Stress, sonst kriegt ihr nur nen Burnout. Wenn dann die Prüfungen anstehen, aktiviert einfach euer Kurzzeitgedächtnis und haut euch in wenigen Wochen alles rein, was euch eigentlich nach so vielen Jahren Studium in Fleisch und Blut übergegangen sein sollte. Ist aber egal, wenn das nicht der Fall war – die Prüfer stehen total drauf, wenn man auswendig Gelerntes runterleiert und nichts hinterfragt. Wir sind an der Uni, mann! Ausnahme: Philosophie-Studenten. Aber die sollten schon nach Punkt 2 ausgestiegen sein…
5. Neben dem Auswendiglernen und Vitamin B und Geld und so, noch ein ganz wichtiger Hinweis! Immer ein Auge auf den Anus der wichtigsten Dozenten haben, also derer, die wirklich was zu sagen haben und kräftig bei eurer Endnote und eurer weiteren Karriere mitmischen könnten. Sollte nämlich gerade kein weiterer Student drin stecken, kriecht so oft wie möglich hinten rein! Falls sich schon diverse Schleimbeutel drin befinden, fragt sie höflich, ob noch ein Plätzchen für euch frei ist. Vermutlich werden sie ihr Revier verteidigen wollen, aber dann hilft auch der gute alte Ellenbogen-Trick. Ihr könnt ja schonmal üben, indem ihr euch jeden Tag im feuchten, muffigen Keller ohne Licht ein paar Stündchen aufhaltet, dann klappt das mit der Arschkriecherei besser, ohne dass euch schlecht wird!
5. Neben dem Auswendiglernen und Vitamin B und Geld und so, noch ein ganz wichtiger Hinweis! Immer ein Auge auf den Anus der wichtigsten Dozenten haben, also derer, die wirklich was zu sagen haben und kräftig bei eurer Endnote und eurer weiteren Karriere mitmischen könnten. Sollte nämlich gerade kein weiterer Student drin stecken, kriecht so oft wie möglich hinten rein! Falls sich schon diverse Schleimbeutel drin befinden, fragt sie höflich, ob noch ein Plätzchen für euch frei ist. Vermutlich werden sie ihr Revier verteidigen wollen, aber dann hilft auch der gute alte Ellenbogen-Trick. Ihr könnt ja schonmal üben, indem ihr euch jeden Tag im feuchten, muffigen Keller ohne Licht ein paar Stündchen aufhaltet, dann klappt das mit der Arschkriecherei besser, ohne dass euch schlecht wird!
6. Ok, ihr habt’s durchgezogen. Ich weiß nicht, ob ich euch gratulieren oder mitleidig den Kopf schütteln soll. Nun habt ihr also die Prüfung hinter euch gebracht, und nun endlich sagt euch der Prof, dass man in dem Bereich ja eigentlich sowieso gar keine Arbeit finden wird. Wir danken ihm für die aufrichtigen Worte und fragen uns hinterher verbittert, wieso der Arsch nicht schon vor 5 Jahren mit der Wahrheit herausgerückt ist? Klar, weil wenn keiner mehr den Stuss studieren würde, wäre er ja arbeitslos. Ihr könnt euch also glücklich schätzen, denn wenn auch das Studium umsonst (aber nicht kostenlos, bitte nicht verwechseln!) war, habt ihr immerhin dazu beigetragen, dass ein armer Professor nicht sein Gehalt verlieren muss!
7. Da steht ihr nun mit eurem Abschluss. Falls ihr nicht die bei Punkt 2 genannten Fächer studiert habt, ist es sehr wahrscheinlich, dass ihr noch keinen Job in der Tasche habt. Ihr könnt schon froh sein, wenn ihr euch nach zahlreichem Klinkenputzen für ein paar – selbstverständlich unbezahlte – Praktika ein paar Monate seelisch prostituieren dürft. Ansonsten Abmarsch ins Arbeitsamt, damit euch ein paar arrogante Beamte abschätzig von oben bis unten taxieren können, bevor sie euch sagen, dass ihr entweder als Metzgereifachverkäuferin oder Spargelstecher für nen Euro die Stunde malochen geht oder keinen Cent seht. Ihr erkennt langsam, dass junge Akademiker auf dem deutschen Arbeitsmarkt leider nichts wert sind und ihr euch die ganzen Jahre hättet sparen können. Jetzt wär’s natürlich gut, wenn Punkt 1 auf euch zuträfe und ihr einfach Mama und Papa/euren reichen Gönner anpumpen könnt.
Also überlegt es euch verdammt nochmal gut!
P.S.: Natürlich gibt es auch Ausnahmen, die ein ganz dolles Studium haben, von allen Seiten – finanziell und karrieretechnisch – unterstützt werden und nach Abschluss sofort eine gutbezahlte Stelle finden. Aber ich kenne niemanden persönlich, dem das passiert ist oder der einen kennt, dem das passiert ist.
Bologna halt. Da braucht man eigentlich nichts weiter zu zu sagen.
AntwortenLöschenAber vielleicht hilft ja Verklären: Wenn man sich vorstellt, man würde für seine Enkel einen Hollywoodschinken aus den Studienbedingungen 2010 et al drehen, erlebt man sich ja vielleicht anders.
Bei uns war´s damals nämlich eigentlich auch nicht wirklich romantisch: Mit Baby und Taxijob studieren war wenig locker.
Alles Gute Dir!!
Regina
Ach Du liebe Zeit! So ist das mit dem Studieren??
AntwortenLöschenDa bin ich ja nachträglich froh, dass ich zu doof für's Abi war...
Eigentlich soll mein Sohn in 5 Jahren zur Uni; das kann er sich bei seinen armen Eltern dann wohl abschminken.
Schade, dabei hätte ich so gern gehabt, dass er Pfarrer wird: er kriegt ein Haus samt Haushälterin gestellt (der faule Sack würde sonst nämlich verhungern) und ich kann -völlig legal- fremden Beerdigungen & Hochzeiten beiwohnen. Hach ja...
PS: Ein echter Misanthrop warnt nicht vor evtl. auftretendem Zynismus ;-)
Also vom Bologna-Prozess wurde ich ja noch verschont. Aber der macht wohl alles noch schlimmer, als es eh schon - für manche Leute - war. Ich finde es auch völlig in Ordnung, wenn man sich für sein Studium auf den Arsch setzen muss, aber diese Ungerechtigkeiten, die an den Unis abgehen, und dann die Tatsache, dass man in vielen Bereichen völlig nutzlos zu sein scheint für den Arbeitsmarkt, soziale und andere Kompetenzen auch nix wert sind, dann gute Nacht!
AntwortenLöschenJuliane, verzeih, bin noch nicht lange öffentlich als Misanthropin unterwegs und hatte die Befürchtung, dass ein paar zu zart Besaitete vielleicht nicht damit klarkommen. ;-) Ich werde dies umgehend ändern, zudem fiel mir ein, dass ich noch nicht das Stichwort "Arschkriecherei" abgehandelt habe.
Theologie ist übrigens auch nicht ohne, zumindest an meiner Uni müssen die zukünftigen Pfaffen Hebräisch, Altgriechisch und Latein büffeln.
Ja, so klingt der "Opener" schon viel besser.
AntwortenLöschenAls Vollprofi würdest Du den Text entweder ganz weglassen oder ein "ihr Säcke!" hinzufügen.
Wird schon...
Zu meiner Verteidigung: Ich bin ja auch freundlich... *seufz*
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