6. März 2012

Absturz

Gestern hat's mir mal gereicht. Nicht, dass es mir nicht schon länger reicht, aber gestern, da ging einfach nichts mehr bei mir. Mittlerweile bekomme ich jeden Tag irgendwelche blöden, frustrierenden Nachrichten vor den Latz geknallt und schwanke eigentlich nur noch unablässig zwischen den Gemütsregungen "wütend", "traurig", "frustriert" oder "verzweifelt-gleichgültig". Mittlerweile ist mein Lebensmotto "No news is good news.", denn wenn was kommt, dann nichts Gutes. Man könnte auch sagen, ich habe momentan eine nicht abreißende Pechsträhne.

Gestern dann also noch ein paar unschöne Dinge zusätzlich zu der eh schon etwas bescheidenen Situation:
- Mein Nebenjob, der mir meine Lebensexistenz sicherte, wurde nicht mehr verlängert.
- Die Krankenkasse machte mich passenderweise zeitgleich darauf aufmerksam, dass ich nun 30 sei und ab sofort 40 € mehr im Monat abdrücken müsse, weil man mit 30 zu alt für eine studentische Krankenversicherung sei. (Bin ja immer noch überbrückungsweise als Doktorandin eingeschrieben.)
- Ein Job bei einem renommierten Unternehmen unseres Fachbereiches, auf den ich mich beworben hatte und der ein gutes Sprungbrett für weitere Jobs im Fachbereich gewesen wäre, ging an eine Kommilitonin von mir, die nicht wirklich mehr vorzuweisen hat als ich, die sich aber neulich ein einmonatiges Praktikum in London für 1.000 € geleistet hat und nun wohl die richtigen Leute kennt. Ja, so läuft das bei uns, wieso also wundere ich mich noch... Im Übrigen habe ich noch nichtmal eine poblige Absage bekommen, obwohl ich nachgehakt hatte...

Und dann noch ein paar andere Sachen, die jetzt aber zu weit führen.

Jedenfalls forstete ich nach diesen Hiobsbotschaften verbissen in gefühlten 80 Jobbörsen nach irgendwas, was ich machen könnte. Und als ich ENDLICH mal ein Projekt fand, das mir was gebracht hätte, stand da: "max. 27 Jahre alt". Danke auch.

Doch am meisten machte mir erstmal der Verlust meines Jobs und damit meiner Lebensgrundlage zu schaffen. Es ist ja nicht so, dass ich mich auf dem Job ausgeruht hätte und dass ich nicht wusste, dass er IRGENDWANN mal zu Ende ginge, wenn die Forschungsgelder nicht mehr fließen. Nur habe ich ja in der Zwischenzeit leider auch keinen anderen Job gekriegt, und wie lange die Gelder fließen konnte auch nie jemand im Vornherein sagen. Von heute auf morgen arbeitslos zu sein ist schon irgendwie gemein, man hätte doch zumindest gerne eine gewisse Vorlaufzeit, um sich darauf einzustellen.

Ich simste verzweifelt meine beiden besten Freunde an. Mein bester Freund konterte damit, dass er auf der Arbeit auch gerade jede Menge Stress hätte. Das machte mich wütend, denn Arbeitslosigkeit und fehlende Zukunftsperspektiven, ja, ich möchte theatralisch sagen, Existenzängste mit Stress auf der Arbeit zu vergleichen ist schon mehr als unsensibel. Oder empfinde nur ich das so?! Der Gute hat einen unbefristeten, todsicheren Job, verdient 2000 netto, kriegt 13,5 Monatsgehälter, kann Überstunden abfeiern trotz Vertrauensarbeitszeit (Sprich, er darf kommen und gehen, wann er will.), hat keine Familie zu ernähren und wird er auch nie (schwul) und ist zukünftiger Haupterbe eines 3stöckigen Eigenheimes und eines sicherlich nicht unbeträchtlichen Vermögens. Diese mentale Unterstützung konnte ich mir also in den Allerwertesten stecken.

Meine beste Freundin hat auch noch jetzt nach 24h keinerlei Reaktion auf meine Verzweiflungs-SMS gezeigt. Sollte ich mal meinen Freundeskreis überdenken? Immerhin bin ich auch immer gleich zur Stelle mit einem offenen Ohr und tröstenden Worten, wenn jemand am Ende ist.

Nach ein paar Tränen überlegte ich fieberhaft, wie ich mich ablenken könnte. Ich bin nicht so der "Ich gehe jetzt mal alleine spazieren oder ins Kino"-Typ. Die einzige Freundin, die hier wohnt und nicht arbeiten muss, konnte ich nicht treffen, da sie gerade mal wieder ihrem monatlichen Frauenleiden erlag. So war ich nicht nur verzweifelt, sondern auch einsam. Und da kommt man manchmal auf die blödesten Ideen...

Irgendwann kam mir die grandiose Idee, ich könne mal austesten, wieso so viele Menschen dem Alkohol verfallen, wenn sie Probleme haben. Zum Glück hatten wir eine Flasche Wodka im Haus... Ich legte eine traurige DVD ein und schüttete mich mit Wodka-Orangensaft zu. Um 14 Uhr!

Das Fatale an der Sache ist: Ich trinke keinen Alkohol! Normalerweise. Das Maximum ist vielleicht 3x im Jahr ein alkoholhaltiger Cocktail. Betrunken bzw. angeheitert war ich in meinem 30jährigen Leben bislang ganze 2x. Dementsprechend fehlte mir der gekonnte Umgang mit Alk. Ich trank und trank und trank, und am Ende war die Wodka-Flasche um 0,4 l leichter und ich voll wie eine Haubitze. Bei der einzigen witzigen Szene des Films lachte ich fröhlich, als gäbe es kein Morgen mehr. Doch ansonsten bekam ich alle 5 Minuten einen Heulkrampf, als würde ich gerade live die Kreuzigung Jesu mitverfolgen müssen. Dazwischen musste ich gefühlte 85x auf Toilette, wo ich mir viel Zeit ließ und Selbstgespräche führte, in denen ich u. a. erklärte, dass ich nicht betrunken sei, denn ich könne zwar nicht mehr geradeaus laufen, aber ich sei im Kopf noch voll da. (Was ja auch stimmt, immerhin kann ich mich noch an jeden Quatsch erinnern!) Später schrieb ich meinem Freund SMS, in denen ich mich damit brüstete, noch SMS schreiben zu können, und ob er nicht noch eine Flasche Wodka mitbringen könnte. Alles in Allem wäre ich an dem Tag eine würdige Nachfolgerin für Bridget Jones gewesen...

Um 18 Uhr fand mein Freund mich dann völlig aufgelöst auf dem Boden vor dem Fernseher wieder, wo ich wie ein verwundetes Tier laut aufheulte, weil ich gerade bei der herzergreifenden Schlussszene versehentlich den Film ausgeschaltet hatte. Ich schaffte es erstaunlicherweise irgendwie, doch wieder an die Stelle zu spulen, und ließ dann in seinen Armen meinen Tränen freien Lauf, bis ich mich nun endgültig ausgeheult hatte.

Im Anschluss kam ich gaaaaanz langsam wieder zu mir, torkelte ein bisschen in der Gegend herum mit deutlich besserer Laune, während mein Freund, die fiese Sau, sich über mich ablachte. Er hat nämlich im Gegensatz zu mir schon sein halbes Leben lang zahlreiche Erfahrungen mit Alkohol gemacht. Er stellte mir erstmal einen Eimer hin, als ich ihm zeigte, wie voll die Flasche vor meiner nachmittäglichen Eskapade war. Aber mehr als böse Bauch- und Kopfschmerzen hatte ich dann doch nicht. Die Nachwirkungen waren, dass ich nachts ständig aufstand, um was zu trinken (Antialkoholisches natürlich!) und noch immer ein Frischluftfanatiker bin. So richtig fit bin ich immer noch nicht, glaube ich, aber 3h muss ich arbeiten und wieder funktionieren, denn auf die paar Kröten bin ich nun noch mehr angewiesen als zuvor.

Nun ja, mein Fazit: Nun hatte ich meinen ersten Vollrausch nach 30 Jahren. Dass ich ihn mir mutwillig selbst zuführte, obwohl ich es doch hätte besser wissen müssen, ist so 'ne Sache... Aber ein kleines bisschen kann ich schon verstehen, wieso Menschen in die Alkoholabhängigkeit abrutschen, wenn es ihnen dreckig geht und sie keinen Halt haben, denn während des Rauschzustandes - Ich weiß, für viele altbekannt, für mich aber wirklich neu! - fühlte ich mich trotz hemmungsloser Heuleskapaden irgendwie freier und wie von einer Watteschicht eingelullt. Aber natürlich bin ich von einem Alkoholproblem noch sehr sehr weit entfernt, denn der 1. Rausch brachte auch meinen 1. Kater mit sich, und nach dem bösen Erwachen rühre ich auch nie wieder Wodka an oder betrinke mich absichtlich, ich schwör!

6 Kommentare:

  1. Das hoffe ich aber! Alkohol ist keine Lösung. ;)

    Tja, was soll ich zu Deiner Situation sagen? Es tut mir leid für Dich, dass es nicht voran geht und Dir auch immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen werden.

    Ich drücke die Daumen, dass sich das bald ändert.

    LG

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  2. Liebe freundliche Misanthropin,

    dass Deine berufliche Situation seit geraumer Zeit mehr als bescheiden ist ist unbestritten. Und leider hast da auf vieles keinen Einfluss - für diese Dinge schließe ich mich Manu an und drücke die Daumen!

    Dann gibt es aber auch Dinge, die Du in der Hand hast.
    Freund 1 (der mit dem Stress auf der Arbeit)sollte von Dir erfahren, wie sehr Dich seine Aussage getroffen hat. Weil er es vermutlich und im besten Falle gar nicht so gesehen hat. Manche Menschen versuchen auf diese Art zu trösten. So nach dem Motto "guck mal, ich weiß wie es Dir geht, mir gehts auch gerade nicht gut". Sicherlich kann Stress im Job einen auch ziemlich anfressen, egal wie vermeintlich gesichert der finanzielle Hintergrund sein mag. Trotzdem war der Vergleich hier mehr als blöde. Also - sag ihm das!

    Freundin 2: Ich würde vorschlagen erst mal nachzufragen, warum sie sich nicht gemeldet hat. Und dann entscheiden ob Du diese Freundschaft tatsächlich überdenken solltest. Denn "beste Freundinnen", die nicht für einen da sind, kann man in der Pfeife rauchen! Und damit muss man sich nicht noch zusätzlich belasten.

    Freundin 3: auch mit einem Frauenleiden kann man zumindest telefonieren oder?!? Forder einfach nehr ein! Einem deutlichen - ICH BRAUCH DICH JETZT - sollte niemand ein Absage erteilen können.

    Jobangebot "max. 27 Jahre alt". Trotzdem bewerben! Ganz nach dem Motto "ich bin zwar ganz knapp über 27 aber genau das, was sie suchen". Wer weiss, vielleicht findet sich ja nix qualifiziertes unter 27. Also, versuch es! Auch wenn die Motivation dazu nur schwerlich zu wecken ist...

    Zu guter Letzt - mach Dinge die Dir Spaß machen. Raff Dich auf und mach Bollywood-Tanz zu Hause. Lass Dir von Deinem Freund einen leuchtenden Strauß Tulpen schenken. Lies ein lustiges Buch, höre irre laut Musik - was auch immer.
    Und freu Dich darüber, dass Du Deinen Freund an Deiner Seite hast, also nicht wirklich alleine bist.

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  3. Hast du dich wenigstens nach dem Ausheulen ein wenig besser gefühlt?
    Wenn ich Krisen habe, ist es in den Momenten für mich so ziemlich das Wichtigste, die richtige Musik anzuhören. Der Tag ist bis dahin natürlich derb im Eimer. Wenn ich dann aber ein Stück gefunden habe, das mir irgendwie Halt gibt, ist das 'ne sehr gute Sache.

    In dem Sinne ist es auch ein Jammer, dass dich deine Freunde so hängen ließen.

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  4. @Manu: Danke.

    @Mme. Himmelblau: Werde mal nachfühlen, was bei Freundin 2 das Problem war. Finde es auch schwach, sich nicht zu melden. Normalerweise ist sie schon eine sehr gute Freundin. Bei Freund 1 ist das Problem, dass er selbst mit seinem Leben hadert und wohl immer ein bisschen froh ist, wenn Andere auch Probleme haben... Bei Freundin 3 ist es eher das Problem, dass ich ihr nicht so nah stehe, dass ich sie anrufen und volljammern wollte. Schon gar nicht, wenn's ihr schlecht geht. Lag also an mir, ich hatte ihr gar nicht gesimst, wie scheiße es mir geht, sondern nur nach einem Treffen gefragt. Und natürlich ist es schön, dass mein Freund an meiner Seite ist, und dafür bin ich auch wirklich dankbar! Aber es gibt Dinge, die kann nichtmal ein Partner für einen erträglicher machen ab einem bestimmten Punkt.

    @typ: Ja, ich habe geheult, bis nichts mehr ging, und danach ging's mir tatsächlich besser. Das ist wohl auch so ein Problem, dass man sich manchmal auch mal gehen lassen sollte, wenn man alles über hat, man sich aber doch immer wieder zusammenreißt und alles reinfrisst.

    Ich glaube, so blöd es klingt, ich habe diesen Abrutscher irgendwie auch mal gebraucht...

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  5. Das klingt ja fast so, als wär es eine positive Erfahrung gewesen, nun im Nachhinein betrachtet. Ich halt's bei den Krisen auch oft so, dass ich da richtig reingeh, es ausschöpfe. Es ist, wie du sagst, zur Abwechslung mal schön, an dieser Watteschicht zu sein, sich gehen zu lassen. Hat dazu den angenehmen Nebeneffekt, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem ich den Absturz für überdramatisiert halte und voller Tatendrang die Dinge angehe.

    In dem Zusammenhang noch ein wenig Text aus "Stay positive" von "The Streets":
    "And if you aren't or never have been at rock bottom then good luck to you in the big wide world"

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  6. Was das Jobangebot mit "max. 27" angeht: Es gibt Gesetze, die sowas verbieten: Stichwort AGG - Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz
    Da könntest Du also sogar "Schadenersatz" herausschinden.
    Ich würde mich also an Deiner Stelle bewerben, wenn es eine für Dich interessante Stelle ist und ggf. nach einer Absage weitersehen...
    Man muss sich in Deiner Situation ja nicht alles gefallen lassen - oder?

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